Nach dem Sieg beim ATP-Finale ist Roger Federer wieder das, was er am Anfang des Jahres war: Ballflüsterer. Rafael Nadal sichert sich, was dazwischen liegt. So beenden zwei Männer das Jahr, die zusammengehören, gerade weil sie Gegenspieler sind.
Frisch geduscht saß er in seinem perfekt geschnittenen Trainingsanzug auf dem Podium und sah so zufrieden aus, als hätte er den 1. Advent im Kreise der Familie bei Keksen und Glühwein verbracht. Alles bestens, versicherte Roger Federer. „Ich bin glücklich, dass ich die Saison mit Stil vollendet und mir das Beste für den Schluss aufgehoben habe. Rafa im Finale besiegt zu haben macht daraus eine besondere Sache angesichts all der Erfolge, die er in diesem Jahr hatte.“ Am Ende, nach diesem Sieg im Londoner ATP-Finale (6:3, 3:6, 6:1), sieht es fast so aus, als hätten sich die Götter des Tennis einen Plan für dieses Jahr ausgedacht. Geben wir Federer den Anfang und das Ende, mögen sie beschlossen haben, und Nadal kriegt alles, was dazwischen liegt.
Wenn es so war: Kompliment nach oben, hat prima geklappt. Federer gewann in Klasseform Ende Januar bei den Australian Open den 16. Grand-Slam-Titel und nun zum Abschluss in London den fünften beim ATP-Finale, Nadal schnappte sich nahezu alles, was in den Monaten dazwischen im Schaufenster lag. Nun sind die Gaben auf den ersten Blick nicht ganz gerecht verteilt, denn die Siege des Spaniers in Paris, Wimbledon und erstmals auch in New York sind definitiv der größere Teil des Angebots. Aber, und darin zeigt sich die List der Götter, sie wollten ein wenig Schwung in die Sache bringen. Sie wollten, dass Federer endlich wieder die Zauberschläger aus der Tasche holt, und genau das war in London der Fall.
Auf dem Weg zum Showdown gegen Nadal verlor er keinen einzigen Satz und spielte dabei vor allem im Halbfinale gegen Novak Djokovic wie zu seiner besten Zeit. Er verwöhnte sich und die Seinen mit makellosem Tennis voller Tempowechsel, Variationen und stufenloser Übergänge von Offensive zu Defensive und umgekehrt. Djokovic war schwer beeindruckt und schwärmte: „Irgendwie scheint ihm jeder Ball zuzuhören.“
Nun ist das sicher keine Frage der Rückkehr zur alten Technik, denn so was verlernt man als Ballflüsterer ja nicht. Mitte September hatte Federer im Halbfinale der US Open unter anderem auch deshalb gegen Djokovic verloren, weil ihm nach ein paar schmerzhaften Niederlagen im Frühjahr und Sommer in entscheidenden Momenten der Mut zum Risiko fehlte. Exemplarisch dafür stand sein zögerliches Spiel mit der Rückhand, so gefährlich sein kurzer Slice bisweilen auch war. In London zeigte er wieder alle Variationen, und das Publikum fand es wunderbar.
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